Hallo bei unserem Bundesliga-Kommentaren Mit dabei heute Matthias Krallmann.
Matthias: Ich glaube, daß es momentan drei Partien gibt, die eine besondere Bedeutung haben. Am Brett 1 bei Porz - Solingen hat Morozevich mit 150 Elo-Punkten mehr und gleichzeitig Weiß den Auftrag auf Gewinn zuspielen. Er spielt eine ungewöhnliche Eröffnung, Lutz spielt regelmäßig Najdorf-Variante gegen 1.e4 und ist ein ausgezeichneter Theorie-Kenner. Morozevich wählt einen Nebenweg, die Rossolino-Variante. Ein ziemlich ruhige, aber unklare Stellung ist enstanden, die für beide Seiten viele Möglichkeiten bietet. Hier liegen die Chancen bei Solingen.
Porz hat auch ein Brett, an dem es am klaren Auftrag auf Gewinn zu spielen geben dürfte: Brett 8. Nenaschew spielt mit Weiß gegen Chandler und hat 120 ELO-Punkte mehr auf dem Buckel. Trotz seiner erschreckenden gestrigen Niederlage, als er einzügig einen Turm einstellte, ist er klarer Favorit. Auch hier ist schon nach wenigen Zügen eine spannungsgeladene Stellung entstanden. In einer Nimzowitch-Indischen Verteidigung kam es zunächst zu einer d4-Isolani-Stellung. Jetzt hat Chandler seinen Lb4 gegen den weißen Springer c3 getauscht, so daß Weiß mit dem Läuferpaar auf Angriff spielen kann.
Die dritte Partie, die vielleicht die entscheidende Partie werden könnte, ist die Partie Sokolov gegen Jussupow. Solkolov ist ein weißer Riese, der auch schon gegen Kasparov gewonnen hat. Jussupov hingegen in zäher Verteidiger. Sokolov hat die Abtauschvariante im Damengambit sehr agressiv behandelt. Er ist mit einen Königsflügelbauern vorgestürmt und hat lang rochiert. Weiß steht aktiver. aber die schwarze Stellung ist ohne Schwächen, wen Jussupow den weißen Angriff übersteht, könne er in einem Endspiel vielleicht zu seinem Vorteil kommen, da Sokolov einen Doppelbauern in der e-Line hat und sein schwarzfeldriger Läufer auf d2 eingesperrt ist.
Diese drei Partein könnten die Entscheidung bringen, die sicherlich sehr knapp ausfallen wird, da in mehreren Partien bereist ein völlig ausgeglichene Stellungen auf dem Brett sind. Da die Kontrahenten sich sehr gut kennen und die Spielstärke vergleichbar ist., sind einige Remis wahrscheinlich. Beispielweise bei Hübner - Vaganjan, Piket - Timman, VanWely - Kasimdchanov und Andersson - Chandler.
Gelsenkirchen - Godesberg 0,5-0,5
David - Meessen 1/2
Zu einer Partie haben wir noch nichts gesagt: Emms - Hansen. Weiß hat einen leichten aber dauerhaften Vorteil. Schwarz hat einen rückständigen Bauern auf c6 und Schwarz kontrolliert das Feld c6.
Porz - Solingen 0,5-0,5
Nikolic - Hübner 1/2
Lutz scheint Probleme zu bekommen: nach 18.Dh5 ist der schwarze Bauer auf d5 angegriffen. Fritz meint, dass Schwarz Lxf4 spielen muss. Danach hätte Weiß mit seinem Läuferpaar und der Möglichkeit gegen den schwarzen Doppelbauern zu spielen einen kleinen, aber soliden Vorteil.
An Brett 3 im Duell der beiden Holländer hatte ich ein schnelles Remis prognostiziert. Doch jetzt hat Timman in einem Schwerfigurenendspiel einen Einzelbauern auf d5. Weiß steht etwas besser. Jussupow konnte Sokolovs Druck abschwächen. Er rochierte lang, nachdem Sokolov seine Figuren auf den Königsflügel ausgerichtet hat.
Die besten Chancen für Porz sehe ich nach wie vor an Brett 8. Nenaschew hat nach wie vor das Läuferpaar und Raumvorteil. Chandler hingegen muss einen schwachen Bauern auf a6 verteidigen. An Brett 2 gibt es einen schwerblütigen Positionskampf zwischen Van Wely und Kasimdschanov, bei dem keine Seite bisher nennenswerte Fortschritte machen konnte. Die schwarze slavische Stellung ist einfach zu solide.
Sadler hat als Schwarzer ebenfalls völlig ausgeglichen, auch hier tippe ich auf ein baldiges Remis. An Brett 1 und Brett 8 könnte die Entscheidung fallen. Wer wird standhalten? Lutz oder Chandler? Wer wird seinen Vorteil verwerten können? Morosewitsch oder Nenaschew? Oder beide? Ein 4-4 würde keinem entscheidend weiterhelfen, da in diesem Jahr mit Lübeck ein dritter Titelkandidat auf der Lauer liegt.
Schmidt, B. verliert gegen Orlov (Godesberg-Gelsenkirchen) Der krasse Außenseiter Gelsenkirchen führt mit 1,5 zu 0,5
Lutz hat es geschafft die Damen zu tauschen. Das Endspiel scheint mir völlig ausgeglichen zu sein. Eigentlich müssten nun alle Chancen bei Porz liegen, doch auch Chandler hat den befreienden Vorstoss e5 durchgesetzt und dürfte nur noch minimal schlechter stehen. Der einzige Vorteil von Nenaschew besteht nun in dem Läuferpaar in der offenen Stellung. Nenaschews Selbstbewusstsein dürfte nach der gestrigen Niederlage gegen den "No name" Partenheimer im Keller angelangt sein. Sollte ausgerechnet er der entscheidende Mann werden?
Andersson-Sadler 0,5-0,5
Godesberg-Gelsenkirchen
Gurevich gewinnt gegen Kalka
Kengis gewinnt gegen Kotter
Solingen-Porz
Emms-Hansen 0,5-0,5
Godesberg führt 2,5 zu 1,5 gegen Gelsenkirchen
Bei Porz gegen Solingen wird mit jedem weiteren Remis ein sehr knapper Spielausgang (vielleicht ein 4-4?) wahrscheinlicher. Die Solinger setzen ihre Hoffnungen jetzt verstärkt auf Kasimdshanov. Dessen Stellung gegen Van Wely wurde mittlerweile aufgemischt. Kasimdshanov ist ein gefährlicher Taktiker. Der Solinger IM Schäfer hofft deshalb auf seinen Mannschaftskameraden. Timman konnte seinen Isolani loswerden. Das Doppelturmendspiel sieht sehr nach remis aus.
Weitere Remispartien sind also wahrscheinlich. Sollte Solingen das Match etwa mit einem Schwarzsieg (Kasimdshanov) entscheiden?
Baumhus-Kveinys 0-1
Schirbel-Seger 0-1
Godesberg hat 4,5 Punkte.
Sokolov-Jussupov sollte remis werde. Kasimdshanov kämpft mit einem Springerpaar gegen Van Welys Läuferpaar. Noch ist nichts Entscheidendes passiert, doch in Zeitnot könnte Kashimdshanov einen entscheidenden Trick ansetzen, ansetzen müssen, den gerade kommt die Nachricht, dass Morosevich gewinnt gegen Lutz,also es steht 2,5-1,5 für Solingen. Chandler steht etwas schlechter, hier könnte der Ausgleich für Porz fallen. Piket hat sehr gute Gewinnchancen gegen Timman. Fritz sieht Piket mit mehr als einer Bauerneinheit im Vorteil. Kasimdshanov hat nach wie vor eine sehr unklare Stellung mit Schwindelchancen.
Sokolov-Jussupow geht erwartungsgemäß remis aus. Solingen führt 3-2. Wenn Piket seinen Vorteil verwerten kann, müsste Solingen gewinnen. Doch in der Zeitnotphase kann alles passieren. Es ist jetzt 3 Minuten vor eins.
(Kasimsdshanov hat 22 sec gegen 1min55 für die letzten 2 Züge).
Kasimdshanov verliert höchstwahrscheinlich, Nenaschew
gewinnt gegen Chandler, die Entscheidung fällt in der Partie Piket gegen
Timman. Hält Timman remis, gewinnt Porz 4,5 zu 3,5, vorausgesetzt Van Wely
gewinnt.
Van Wely hat zwei sehr starke Läufer in einer offenen Stellung, die fast
genauso viel wert sein sollten, wie Kasimdshanovs Turm und Springer. Also hat
Van Wely ein bis zwei Bauern mehr bei fortwährendem Angriff. IM Schäfer
hat das Vertrauen in seinem Mannschaftskameraden Kasimdshanov verloren. Ein
Sieg von Van Wely wird allgemein erwartet.
Pikets Endspiel gegen Timman wird von Fritz6 mit zwei Bauerneinheiten Vorteil
bewertet. Wenn diese Einschätzung stimmt, gibt es vielleicht doch noch
ein 4-4.
Piket gewinnt gegen Timman. Es steht 4 zu 3 für Solingen. Kasimdshanov steht auf Verlust, so dass es ziemlich sicher 4 zu 4 ausgehen wird. Aber hat Van Wely nicht in der Vergangenheit beim Realisieren von Gewinnstellungen manchmal Schwächen gezeigt, oder täuscht mich meine Erinnerung? Doch dies ist eine Angriffsstellung, in der sich Van Wely pudelwohl fühlt. Mit 42.f5 öffnet Van Wely die Diagonale h2/b8 gegen den schwarzen König auf c7. Kasimdshanov vergräbt seinem Kopf in beiden Händen, als wolle er seinen König schützen, der von beiden Seiten unter Feuer genommen wird.
Kasimdshanov gibt auf. Porz gegen Solingen 4 zu 4.
Christopher Lutz meint, dass sein Endspiel gegen Morosewitsch immer etwas schlechter war. Sein Bauer d4 ist immer schwach. Er fragt sich, ob d5 richtig war, denn danach entstand die Struktur mit dem Doppelbauern auf der d-Linie. Er war nicht allzu überrascht von Morosewitsch`s Eröffnung, da dieser immer ungewöhnliche Eröffnungen spielt. Höchstwahrscheinlich hatte er wenig Hoffnung seine Theoriekenntnisse in der Najdorf-Variante an den Mann zu bringen.
Letztendlich also ein extrem spannendes und gerechtes 4-4 zwischen den beiden Meisterschaftskandidaten Solingen und Porz. Vier Gewinnpartien sind viel mehr, als man erwarten durfte. Die Siege von Morozevich und Nenaschew wurden von uns richtig prognostiziert, aber die Erfolge von Piket gegen seinen Landsmann Timman und Van Wely gegen Kasimdshanov kamen für viele überraschend. Die Holländer haben sich also bei der deutschen Mannschaftsmeisterschaft sehr kämpferisch gezeigt. Insbesondere der Angriffssieg von Van Wely in einer lange Zeit äußerst undurchsichtigen Stellung gegen den 50 Elo-Punkte stärkeren Solinger verdient Respekt. Die Solinger konnten ihre gefürchtete Doppelspitze also nicht zu einem Vorteil führen.
Fazit: Die Entscheidung ist vertagt. Die beiden Auseinandersetzungen mit Lübeck werden die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft entscheiden.
Danke, Matthias, für Deinen spannenden Bericht. Sorry noch einmal an unsere Leser für den gestrigen Totalausfall. Ich denke, wir haben heute einen spannenden Tag gehabt, mit einem Resultat, was die weitere Meisterschaft offen läßt.
Bad Godesberg - Gelsenkrichen 5,5 - 2,5
Porz - Solingen 4-4