Guten Morgen aus Gelsenkirchen.
Nachdem die Lübecker mit einem knappen Sieg (4,5-3,5) gestern sich die Führung an diesem Spieltag nicht aus der Hand nehmen ließen, ist es nun an den Solingern hier nicht den Anschluß an die Tabellenspitze zu verlieren.
SCa: Stefan Balster (Mannschaftsführer Gelsenkirchen), Dein Tip für das Match heute?
S.B.: Ach nee, lieber nicht. OK, wir werden alles tun ein 8:0 zu verhindert.
SCa: Die Solinger verzichten heute auf Morozevich und Kasimdzhanov, auch Artur Jussupow ist heute nicht dabei.
Die Gelsenkirchner müssen auf ihre Belgier Meesen und Ahn verzichten. Auch Reinhard Baumhus und ebenso der Überraschungssieger im Matches gegen Porz Axel Partenheimer sind nicht dabei.
SCa: Herbert Scheidt (Mannschaftsführer Solingen), haben Sie einen Tip für den heutigen Kampf?
H.S.: (lachend) Ein 6:2 wäre toll.
SCa: Die Gelsenkircher sind die Aufsteiger der letzten Saision und mehr oder weniger ein reines Amateurteam.
Der Kern der Mannschaft ist schon lange zusammen und durch Höhen und Tiefen gegangen. Das letzte Tief wurde Ende der Achziger Jahre verwunden, aber seitdem geht es bergauf: 89/90 ging es aus der Emscherliga wieder nach oben und im direkten Durchmarsch in die 2. BL.
Sonsor Manfred Kogel war es zu verdanken, daß die heimische Mannschaft um starke Spieler ergänzt werden konnte. Ende der Achziger Jahre konnte Sergey Kishnev gewonnen werden. Und Kishnev wurde fest ins Gelsenkircher Netz "assimiliert".
Der Moskauer Schachtrainer lebt nunmehr zur Hälfe hier in Gelsenkirchen, zur anderen Hälfte als Makler in Moskau. Als Schüler der Botwinnik-Schachschule und zeitweiliger Trainer von Bareev und Dreev ist er ein Kenner der Moskauer Schachszene und hat auch im Gelsenkichner Schach seine deutlichen Spuren hinterlassen. Frau und Sohn leben nunmher seit knapp 10 Jahren hier in Gelsenkirchen. Er pendelt.
Doch zu den Partien. Bert, wie sieht es aus?
SCb: Ralf Kotter stürmt mit seinen Bauern in der sizilianischen Paulsenvariante bereits in den ersten 10 Zügen nach f4 und g5 vor.
Schirbel - Rowson: Rowson läßt sich im Trompowski-Angriff auf keine Verwicklungen ein. Mit 2. ... e6 und 3. ... h6 lädt er zum Tausch Lf6: ein, kurz darauf tauscht er seinen schwarzfeldigen Läufer auf c3. Neu (laut Shredder) ist 11. Ld7: (statt Tb1). Schirbel erlangt mit 15. d5 einen gedeckten Freibauern, doch Rowsons Springer steht aktiver.
SCa: Zurück zur Geschichte des Königsspringer. Nach dem Tod des Sponsors Manfred Kogels Mitte der Neuziger Jahre kamen zwei schwere Jahre. Die Mannschaft mit Khinev und damals auch Dautov blieb auch ohne jegliche finanzielle Unterstützung freiwillig weiter zusammen. Ungewöhnlich, doch Beweis des guten Zusammenhaltes. Doch man stieg aus der 2. Liga zunächst ab. Der ein oder andere ging, doch der Kern blieb. 2000 schaffte man - entgegen so mancher Prognose - den Aufstieg in die höchste Klasse.
SCb: IM Schäfer verteidigt sich gegen Wiechen französisch: Ulrichs 8. ef6: ist ungebräuchlich. Üblich ist 8. Ld3, wonach der Lg5 wegen Dh5+ tabu ist.
Bei Lobron - Balster denkt der Solinger bereist für seinen 3. Zug länger nach, bevor er sich für eine geschlossene Stellungsbehandlung mit Sc3 und g3 entscheidet. Die Partie geht letztlich in die Scheveniger Variante über. Mit 9. ... Sd4: wählt Balster eine selten gespielte Fortzetzung. Ein Vorteil des Springertausches ist, daß Weiß danach wesentlich weniger mögliche Fortsetzungen besitzt als nach dem üblichen 9. ... Le7.
SCa: An Brett 8 notiert Shredder Vorteile für Solingen, leichte Vorteile auch an Brett 6. An Brett 4 hat Kotter im Vergleich zu Ems einen zeitlichen Nachteil: 1,5h verbrauchte der Gelsenkirchener, nur 45 min der Solinger.
SCb: Der Urgelsenkirchener Ulrich Wiechen drückt mit 9. Lf4 auf c7, doch Schäfer pariert mit Sa6 die weißen Drohungen und nimmt mit den natürlichen Zügen 10. ... 0-0 und 11. ... Se4 den Lf4 unter Beschuß. Klarer Vorteil für den Klingenstädter.
SCa: An Brett eins bahnt sich ebenfalls ein positive Entscheidung für die Solinger an. Piket steht nach Läufertausch auf b7 ausgezeichnet und hat darüber hinaus auch zeitlichen Vorteil: Über ein Stunde bleiben ihm noch Feigin hat noch gut eine halbe.
SCb: Ja, nach gut 2 Stunden attackierte Piket mit 16. Sf5. Feygin verzichtete darauf, den Springer oder den Bauern auf a3 zu schlagen, doch nach 16. ... Dc5 kam Pikets Killerzug 17. Sd6!.
In der Partie Kischnew - Nikolic wird die Abtauschvariante des Damengambits gespielt. Beide Spieler rochieren lang. Weiß hat das bessere Spiel am Damenfügel.
SCa: Knapp 30 Zuschauer verfolgen das Geschehen live im schönen Spielsaal der Ev. Kirchengemeinde im Herzen von Gelsenkirchen. Etwa 10 - 15 Zuschauer blitzen im angrenzenden Analyseraum oder diskutieren die Partien in den Fluren.
An Brett 8 sieht es gut aus für die Solinger. Bert, was ist los?
SCb: Schäfer opfert einen Springer für 2 Bauern und zieht den weißen König mitten auf das Brett nach e3.
SCa: Auch an Brett 6 wird es immer spannender. Der Schwarze knabbert den Bauern auf d5 an. Der Freibauer auf der e-Line schnürrt den Weißen ein.
Remis in der Partie Kishnev gegen Nikolic.
Feigin hat an Brett eins nur noch 13 Minuten. Und dies bei alles anderer als einfacher Stellung für ihn. Piket setzt den Ukrainer weiter unter Druck... Doch fragen wir Schach.com Mitglied Marco.
SCm: Im Endspiel mit Springer und Dame hat Piket zwei Mehrbauern. Die Türme sind getauscht. Pikets König steht sicher, während der schwarze König recht ungeschützt steht. Feygin hat lediglich eine Minute auf der Uhr. Der Solinger scheint zu gewinnen.
SCa: ... und Piket gewann.
Unklar bleibt die Partie an Brett 8 Immernoch steht Ulrich Wiechen mit seinem König mitten im Zentrum, doch der schwarze Vorteil scheint dahin.
SCm: Der Gelsenkirchener opferte die Qualität gegen einen Bauern und hat nun wieder etwas Atemluft, auch wenn seine Stellung immer noch äußerst verdächtig aussieht.
SCa: Bert, was sagt Jeroen Piket zu seinem Sieg?
SCb: Piket stand nach der Partie bereitwillig Rede und Antwort. "Jeroen, wo lag der entscheidende Fehler?"
Piket: "Sa6 war nicht gut. Vielleicht hätte sich Schwarz nach Tfe1 mit Db8 und Tc8 od.Td8 sowie aufbauen sollen. Einfach nur stehen. (...) Die schwarzen Bauern (auf dem Damenflügel) sind schwach. Meine Bauern auch (besonders a3), aber nicht ganz so schwach."
SCb: Hätte Schwarz statt Dc5 nicht auf f5 und a3 schlagen sollen?
Piket: "Ja, das war besser. Aber schon De7 war schlecht. (...) Sd6 hatte mein Gegner übersehen. Er hat danach die besten Züge gespielt, aber es ging nichts mehr."
SCb: In wenigen Tagen spielst Du in Wijk mit - wie sind Deine Pläne und Hoffnungen für dieses Turnier?
Piket: "Ich möchte gut spielen. Aber viele Spieler haben große Ambitionen. Mit Kasparov, Anand und Kramnik sind drei Weltmeister dabei, meine Ambitionen sind vergleichsweise klein."
SCb: Viel Glück für das Turnier!
Piket: Danke! Das kann ich gebrauchen.
Nun zurück zu den anderen Begegnungen:
SCm: An Brett 4 hatte R. Kotter in einer zweischneidigen Stellung für die letzten 10 Züge lediglich noch 1 Minute und 36 Sekunden auf der Uhr. Er hatte zwei Bauern für etwas Angriff gegeben, der aber nicht wie gewünscht voranging. Statt Erfolg für seine Angriffsbemühungen einfahren zu können, musste Kotter zu sehen wie Emms einen seiner Freibauern zur Dame durchbrachte und gab direkt nach der Zeitnotphase auf.
SCa: Ich hab bei der Partieanalyse Naumann - Vd Veen zugeschaut. Beide Spieler ahnten nicht, daß sie aufeinandertreffen würden. So groß die Möglichkeiten. 9. ... Db6 wird selten gespielt, sagt Naumann, aber sicherlich kein Grund zur Sorge. 9. ... Dc7 ist üblicher. Vd. Veen hatte Dc7 ins Auge gefaßt und auch schon notiert, entschied sich jedoch um. Nach 16. ... Lg5 war die Geschichte auf jeden Fall aus. Besser war vielleicht Dc7. Aber nach Le7: und De7: und folgendem e5 oder f5 wird es eng.
Nunmehr sind auch die letzten Partien vorbei. 7,5 zu 0,5 für Solingen. Herbert Scheidt´s (Solingen) Kommentar: "Einen müssen wir immer mit durchziehen." Seine Augen zwinkern, sein Lächeln zieht sich durchs ganze Gesicht. Seine Freude ist nicht zu verstecken.
Stefan Balster (Gelsenkirchen): Glücklich kann man nicht sein nach einer so klaren Niederlage. Aber an einzelnen Bretter hätte es mit ein bißchen Glück auch besser klappen können. Ulrich Wiechen hatte zwischendurch wieder eine sehr gute Stellung.