Wissenschaftspreis der Karpow-Schachakademie Rhein-Neckar Schach für
Merim Bilalic
Dienstag,
15.9.2009
von Dr. Markus Keller – Geschäftsführer KSA
Der
zweite Wissenschaftspreis Schach geht an den Psychologen Dr. Merim Bilalic
aus Tübingen für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Expertise-
und Gedächtnisforschung in der Domäne Schach.
Mit dem Wissenschaftspreis der Karpow-Schachakademie Rhein-Neckar wurde
2008/2009 zum zweiten Mal ein Wissenschaftspreis ausgelobt, der aus der
Fülle an wissenschaftlich fundierten Arbeiten zum Thema Schach aus
allen Fachgebieten eine Arbeit besonders herausstellt. Ein Preis, der
sich nicht nur auf ein Wissenschaftsgebiet beschränkt, sondern umfassend
ist. Entsprechend setzte sich das Auswahlgremium aus Schach spielenden
Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen zusammen. Der Preis ist
mit 1.000 EUR dotiert und wird im neuen Jahr feierlich überreicht.
Elf Arbeiten aus den Jahren 2005 bis 2008, in der Regel Magister-, Diplom-
und Doktorarbeiten, aber auch wissenschaftliche Veröffentlichungen
aus Deutschland, Ungarn und Großbritannien gingen bei der Karpow-Schachakademie
ein. Die Arbeiten stammten aus so unterschiedlichen Gebieten wie Betriebswirtschaftslehre,
Militärwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Historik, Kunst,
Mathematik, Wirtschaftsinformatik und Psychologie.
Merim Bilalic hat mit seiner Arbeit an der Oxford University (Oxford,
England) promoviert und ist zurzeit an der Universität Tübingen
tätig. Seine Arbeit wurde mehrfach publiziert, auch in populärwissenschaftlichen
und allgemeinen Magazinen wie Psychology Today, New Scientist, The Telegraph
oder Spiegel.
Nach Dr. Markus Keller, Geschäftsführer der Schachakademie
„zeichnet sich die Arbeit Bilalics durch hohe Originalität
aus. Die Arbeit genügt höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen
und ist auch international konkurrenzfähig.“ Besonders hervorzuheben
ist dabei die Arbeit zum Einstellungseffekt („Why good thoughts
block better ones?“), die kürzlich von der British Psychology
Society gewürdigt wurde. Bilalics Dissertation trägt den Titel:
„Acquisition of chess skill“. In jüngster Zeit hat der
Bosnier eine beeindruckende Arbeit zum Thema „Schach und Frauen“
veröffentlicht, die eine überzeugende statistische Begründung
dafür liefert, dass der scheinbar erhebliche Geschlechtsunterschied
in der Spielstärke von Männern und Frauen lediglich ein Artefakt
unterschiedlicher Teilnahmeraten ist. Diese jüngste Arbeit wird die
weitere Diskussion über Geschlechtsunterschiede im Bereich Schach
nachhaltig beeinflussen. Gleichzeitig wirft seine Arbeit ein Licht auf
die gleichartigen Verhältnisse bzgl. Frauen in der Naturwissenschaft
oder im Ingenieurwesen, bei denen die Zahl von herausragenden Frauen ebenfalls
sehr gering ist, die Gesamtzahl der Frauen gering. Eine „angeborene“
oder kulturell erworbene Schwäche in Wissenschaft, Ingenieurwesen
oder im Schach scheint somit fraglich.
Keller: „Nach seinem Studium der Psychologie in Sarajevo von 1998
bis 2002 hat Merim Bilalic mit der jetzt preisgekrönten Arbeit 2006
an der Oxford University bei Dr. Peter McLeod promoviert. Nach dem Studium
hat er mit Professor Peter Frensch an der Humboldt-Universität Berlin
und mit Professor Fernand Gobet an der Brunel University in London gearbeitet.
Zusammen mit Gobet und McLeod hat er seine Arbeiten auch publiziert. In
ihnen setzt Bilalic eine lange Tradition psychologischer Untersuchungen
zum Schachspiel fort, die zumindest bis 1894 zurückreicht, als Alfred
Binet - der Autor des ersten Intelligenztests - eine Untersuchung über
Blindschachspieler veröffentlichte, von deren Leistungen sich Binet
stark beeindruckt zeigte.
Bilalic
legt in seiner bisherigen Arbeit einen Schwerpunkt darauf, mit Schach
als Untersuchungsgebiet wichtige und teilweise kontrovers diskutierte
Felder der Psychologie zu beleuchten.
Zum einen können individuelle Unterschiede der Spieler selbst untersucht
werden, z.B. Persönlichkeit oder Intelligenz. Zum anderen bietet
Schach mit seinem etablierten Wertungszahlen-System (DWZ, ELO) eine gelungene
und quantifizierbare Einstufung der Leistungsstärke jedes Schach-Spielers.
So können Felder wie Denkprozesse, Gedächtnis, Problemlösung,
Entscheidungsfindung oder Auffassungskraft quantitativ und qualitativ
betrachtet werden.
Eine wesentliche, neue Erkenntnis fand Bilalic bei Versuchen an Schachspielern
unterschiedlicher Spielstärke: „Nachdem wir gelernt haben,
ein Problem auf eine Weise zu lösen, sind wir blind für effizientere
Lösungsmethoden. Selbst wenn wir denken, dass wir einen anderen Lösungsweg
einschlagen, ist unsere Aufmerksamkeit weiterhin beim gewöhnlichen.
Diesen Effekt nennen wir Einstellungseffekt.“, so Bilalic einleitend.
Seinen Probanden, Schachspieler bis zur oberen Meisterklasse, gab er eine
Stellung vor, in der sie das kürzeste Matt finden sollten. Danach
bat er sie, zu schauen, ob es einen kürzeren Lösungsweg gibt.
Sowohl Durchschnittsspieler als auch Experten fanden die kürzere
Lösung nicht. Sie waren blind für diese kürzere, bessere
Lösung. Wenn es jedoch nur diese eine Lösung gab, so wurde sie
gefunden. Wie Bilalic durch Analyse der Augenbewegungen der Probanden
feststellte, dachten diese zwar, sie suchten nach einer weiteren Lösung,
die Augen folgten aber der ersten Lösung und betrachteten nur für
diese relevante Felder des Schachbretts.
Ausgesprochene Meister, z.B. Großmeister, finden den besseren Lösungsweg
dagegen zumindest auf den 2. Blick. Bilalics Arbeit zeichnet besonders
aus, dass er erstmals die Frage dieser Inflexibilität bei Experten
verschiedener Spielstärke betrachtete. Historisch sprechen Psychologen
bei Schach schon von Experten, wenn deren Spielstärke zwei bis drei
Standardabweichungen (entsprechend 400 bis 600 ELO-Punkte) über dem
Mittelwert aller Schachspieler (ca. 1500 ELO) liegt. Im Schach gibt es
Meisterspieler, die deutlich besser sind. In diesem Bereich gibt es allerdings
wenige Feldversuche. Bilalic konnte nun zeigen, dass die früher gefundene
Unbeweglichkeit im Denken von Schach-Experten nicht mehr bei „besseren“
Schach-Meistern mit einer Spielstärke von vier oder mehr Standardabweichungen
oberhalb der Durchschnittsspielstärke zutrifft. Diese überwinden
den schädlichen Einstellungseffekt! Der Einstellungseffekt wird also
von den besten Könnern überwunden, die optimale Lösung
gefunden. Die bisherige wissenschaftliche Definition von Experten muss
hier revidiert werden. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse von Schach
auf andere Gebiete ist wahrscheinlich.
Es zeichnet die breit angelegte Arbeit von Merim Bilalic aus, dass er
neben verschiedenen Aspekten der kognitiven Leistungsfähigkeit von
Schachspielern auch deren Persönlichkeitsstruktur untersucht hat.
Bei
einer Untersuchung an 250 englischen Schulkindern zeigte sich, dass Kinder,
die auf andere eingehen und Konflikte vermeiden, eher kein Schach als
Hobby annehmen. Da Frauen allgemein zu mehr Verträglichkeit neigen,
mag dies ein Grund dafür sein, warum mehr Jungen als Mädchen
mit Schach anfangen.
Auch auf die Frage von Intelligenz und Schach geht Bilalic ein. So ist
eine höhere Intelligenz beim Beginn mit Schach spielen von Vorteil.
Dies wird jedoch durch die Praxis (viel spielen, viel trainieren) kompensiert.
Zudem ist leider die Regel, dass sich intelligentere Kinder auf dem einmal
Erlernten ausruhen und ihren Spielstärkevorsprung verlieren.
Schach kann auch das Problem der Spezialisierung in einem Fachgebiet
abbilden. Beispiel: Ein Spieler ist Fachmann in der sizilianischen Verteidigung,
einer in der französischen Verteidigung. Beide sind gleich gut bei
normalen Mittelspielproblemen. Wenn sie nun Probleme aus der jeweils anderen
Spezialeröffnung lösen, so verschlechtert sich ihre Spielstärke
um 200 ELO-Punkte (eine Standardabweichung). Im Umkehrschluss heißt
das: Zwingt man einen Spieler, eine ihm nicht gebräuchliche Eröffnung
zu spielen, so spielt er 200 ELO-Punkte schlechter.
Das ist übertragbar auf andere Bereiche, z.B. wenn Akademiker auf
einem anderen akademischen Gebiet Entscheidungen fällen müssen
als ihrem eigenen und dann schlechtere Ergebnisse liefern.
Ein anderes, beeindruckendes Ergebnis zeigt seine kürzliche Arbeit
über den so genannten Geschlechterunterschied im Schach. Bekannt
ist, dass es kaum eine Frau schafft in die absolute Schach-Weltspitze
vorzudringen; deutlich wenigern als es dem Anteil der Frauen von derzeit
sechs Prozent entspricht. Bilalic fand nun, dass die Unterlegenheit der
Frauen zu 96%, also fast ausschließlich, dem entspricht, was rechnerisch
alleine aufgrund des geringeren Frauenanteils erwartet würde. Hierzu
nutzte er die statistischen Daten des DWZ-Systems, dem Spielstärkesystem
des Deutschen Schachbundes, das 120.000 Spieler aller Kategorien umfasst
und aufgrund seiner umfassenden Auswertung die individuelle Spielstärke
sehr genau trifft.
Für seine Arbeit zum Einstellungseffekt und dessen Einfluss auf
Gedächtnis und Problemlösung bei Schach-Experten, wird Bilalic
von der British Psychology Society mit dem Award for Outstanding Doctoral
Research Contributions to Psychology ausgezeichnet. Laut Professor Judy
Ellis, Vorsitzende des Preiskomitees, gibt Bilalic sehr wichtige Einblicke
bzgl. des Fachwissens und der Rolle des Gedächtnisses bei der Problemlösung.
„Seine neuen Untersuchungsergebnisse haben weit reichende Konsequenzen
für eine große Spanne von kognitiven Phänomenen und verschiedene
Gebiete der psychologischen Forschung. Das Preiskomitee war insbesondere
beeindruckt vom Scharfsinn seiner Forschung in Kombination von gemischt-methodischen
Ansätzen und anspruchsvollen Versuchsanordnungen.“ Diesen Worten
schließt sich die Karpow-Schachakademie gerne an.
Dr. Merim Bilalic hat seine Erkenntnisse zum Einstellungseffekt in einem
Kurzvortrag zusammengetragen, der auf der Homepage www.schachakademie-hockenheim.de/wip2009
als kostenfreier Download hinterlegt ist. Hier können auch weitere
Informationen gefunden werden.
Der Wissenschaftspreis wird auf einer Schachveranstaltung im kommenden
Jahr überreicht. Ort und Zeitpunkt stehen derzeit noch nicht fest.
Die Karpow-Schachakademie Rhein-Neckar e.V. versteht sich als Kompetenzzentrum
Schach. Ziel der Akademie ist zum einen die wissenschaftliche Forschung
im Themenbereich Schach, zum anderen Training und Trainingsausbildung.
Der dritte Bereich sind Veranstaltungen von regionalem, nationalem und
internationalem Charakter.
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