Erneut eine dramatische Runde in London! Nach 30 Zügen wäre man nicht überrascht gewesen, wenn am Ende dieser Runde Kramnik mit einem ganzen Punkt Vorsprung geführt hätte, denn Kramnik hatte einen schönen Vorteil gegen Gelfand und Carlsen nur marginalen Vorteil in einem für Weiß eigentlich recht einfach zu spielenden Endspiel. Doch wie auch in der vergangenen sensationellen Runde kam alles ganz anders als gedacht. Kramnik verspielte seinen Vorteil fast zur Gänze, war danach mehr auf Sicherheit bedacht und kam letztlich nicht über ein Remis hinaus. Was aber in der Partie Radjabov-Carlsen passierte ist auf diesem Niveau in der Tat unerklärlich. Radjabov hätte nur still halten müssen und seine Stellung wäre wohl nie zu knacken gewesen. Dann ließ er den unfassbaren Zug 64.a4?? vom Leder und es war klar, dass Carlsen damit eine neue Zielscheibe und wieder reale Gewinnchancen hat. Carlsen machte leichte Fortschritte und vergrößerte seinen Vorteil, aber Radjabov hatte weiterhin Chancen die Partie zu halten. Doch Radjabov spielte im 83. Zug das irrationale Sa5:?? und gab eine Figur, was dem Remis-Faß den Boden durchschlug. Carlsen gewann danach sicher. Ein leistungsgerechtes Remis gab es in der Partie Grischuk-Aronian. Svidler zeigte erneut seine gute Form und schlug Ivanchuk in einem Vorstoßfranzosen sicher.
Ivanchuk - Die rästelhafte Sphinx ist das Zünglein an der Waage
In der morgigen Schlussrunde kann alles passieren und das hat einen bestimmten Grund. Ivanchuk ist mit im Spiel. Das ukrainische Schachgenie, das sich seit über 20 Jahren in der absoluten Weltklasse bewegt, hat möglicherweise seinen Zenit leicht überschritten oder leidet derzeit einfach unter Zeitnot-Frühjahrsmüdigkeit wie auch heute gegen Svidler. Nur in zwei Partien zeigte er seine ganze Klasse. In seiner Weiß-Partie gegen Radjabov und zuletzt mit Schwarz ausgerechnet gegen Carlsen. Was geschieht morgen in seiner Partie gegen Kramnik? Wehe dem, der sich in dieser Paarung als Wahrsager versucht! Alles kann passieren! Und da wäre noch die Partie Carlsen-Svidler. Svidler ist mit Schwarz sehr findig und zäh. Wird Carlsen Svidler in dessen Lieblingsverteidigung, dem Grünfeld-Inder herausfordern? Die Eröffnungswahl und damit die Risikobereitschaft wird in beiden Partien eine gewichtige Rolle spielen. Die Regularien sehen vor, dass bei Punktgleichheit derjenige Turniersieger sein wird, der die meisten Partiegewinne zu verzeichnen hat und das wäre Carlsen. Kramnik braucht also einen halben Punkt mehr als der Norweger um Herausforderer von Weltmeister Anand zu werden. london2013